text_©Corinna Stammen, 2006

Der Besuch in Leo Bettina Roosts Atelier gleicht dem Gang durch ein Wunderland. Die Hingabe und Präzision, die ihre Arbeiten wiederstrahlen erinnern an ein Märchen, eine Erzählung, die feingeschliffen und poliert immer wieder den Punkt trifft. Die Komplexität ähnelt einer Partitur, brillant in Koordination von Zeit und Raum. Es ist beeindruckend wie sicher und zielstrebig sie sich auf unterschiedlichsten Untergründen bewegen kann. Leo hat die Fähigkeit ihr künstlerisches Können und ihr perfektes Handwerk auf unterschiedliche Medien zu übertragen. Dadurch bekommt ihr Werk die unglaubliche Vielfalt. Der hohe ästhetische Anspruch, die Genauigkeit und Konzentration gepaart mit ihrem ausgeprägten Gespür für die Feinheit der Materialien sind Roosts Markenzeichen. Sie besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit die Schönheit der Linie, beziehungsweise der Kontur, sowohl in ihren zwei- als auch ihren dreidimensionalen Arbeiten umzusetzen. Der Umfang läßt vermuten mit welcher Geduld und Schaffenskraft sie ihr Werk immer wieder beginnt.

Leos Objekte erzeugen Raum. Raum, der Schutz und Geborgenheit auf die Probe stellt. Leo beschreibt das mit “Schutz suchen in der Natur” und des “sich Einrichtens”. Die Materialien, die sie verwendet, sind wärmend und raumgreifend. Durch die Inszenierung wirken sie geheimnisvoll. Das liegt zum einen an der Wahl der Materialien (Wolle, Holz, Papier, Karton, Stoff) und zum anderen an der Verknüpfung der Elemente. Der Betrachter erlebt das Kunstwerk als Schlüsselszene und führt die Geschichte, die zur Disposition gestellt wird, fort. Die Perspektive und somit der eigene Standpunkt, den sowohl der Betrachter als auch die Künstlerin einnehmen spiegelt sich in der “Wahrnehmung” beziehungsweise in der “Darstellung” wieder. Die Verortung des Betrachters verbildlicht was Leo als “…auf dem Weg im Raum stehen…” bezeichnet. Damit spricht Roost “Übergängsräume” an. Das Thema der “Rites de Passage” (Übergangsrituale, Arnold van Gennep) ist ein zentrales Anliegen mit dem Roost sich in ihren Arbeiten sehr tiefgehend beschäftigt hat. Sie vertritt die Philosophie der Bewegung von “Übergangsraum” zu “Übergangsraum” als Reise ohne Sicherheit und Garantie. Aber immerhin von Station zu Station. Themen wie “Migration”, “Heimat”, “zu Hause”, “Unterwegssein” oder “draußen” sind eingebunden in ihren Installationen “Schlafstellen”. Sie schließen an die Betrachtungsweise der “Übergangsräume” an. In Roosts neuesten Arbeiten werden die Installationen durch das Thema “Natur” erweitert.

Die Mundfelder sind Arbeiten, die sich auf Pressefotos und Videostills berühmter Persönlichkeiten beziehen. Die Ausschnitte der Mundwinkel sind exemplarisch, als Wahrzeichen dieser Personen dargestellt. Unverkennbar ist der hohe Wiedererkennungswert und faszinierend die bemerkenswerte Anregung der Phantasie zur Vervollständigung der Bildelemente.

Leos Arbeit mit Text zieht sich durch viele ihrer Werke. Sie unterliegen einem Entstehungsprozeß, der eine Gradwanderung zwischen Abstraktion und Emotionaliät findet. Die eigenständigen Texte werden unter inhaltlichen und visuellen Aspekten in die Arbeiten integriert. Je nach Projekt dekonstruiert Leo die Textpassagen mithilfe von z.B. Computern zu Phrasen oder reduziert sie auf Ausdrücke z.B. aus der Comicsprache. Leo umschreibt die Verwandlung mit “der Nähe zum theatralisch-inszenierten” und deutet so auch auf den Klang hin.
Corinna Stammen, Kunsthistorikerin/Journalistin, August 2006, Köln